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Dorothea von Rieneck – Grünsfelds Grande Dame

Leseprobe

1. Kapitel

Bericht des Heinrich Meise, Amtsschreibers des Sehr Gnädigen und Wohlgeborenen Herrn Asmus, des Grafen von Wertheim; niedergelegt auf Burg Freudenberg den 28. Februar im 1509. Jahr, zur hohen Mittagszeit

Glock zwölf Uhr heute Nacht mochte es etwa gewesen sein, da ward ich von einem heftigen Lärmen und Poltern in einer der Kammern aufgeschreckt. Es war der vergangene Tag für mich arg mühevoll gewesen, ich hatte einen Ritt durch Nebel und Kälte hinter mir, war darob rechtschaffen müde und legte mich früh zu Bette. Anderen Tages, also heute, sollte ich etliche Schriftsätze in den bereits üblichen Rechtshändeln ausfertigen und wollte hierzu wohl ausgeschlafen und gut gerüstet sein.

Man wies mir also nach dem Nachtmahl meine übliche Schlafkammer an, und ich streckte meine müden Glieder aus, nicht jedoch ohne eine gewisse Bedenklichkeit. Der Gnädige Herr hatte mich seiner Gewohnheit gemäß beim Essen am nämlichen Tisch Platz nehmen lassen, war jedoch wenig zum Reden aufgelegt und schien vielmehr in sehr trübem Sinnen, einem noch trüberen als gewöhnlich.

Seit langer Zeit kenne ich ihn in derlei Stimmungen … wie lange wohl? Mich dünkt, es müssen bestimmt acht Jahre sein. Merkzeichen dieser Stimmungen sind ihre Stärke oder Tiefe und ebenso ihre rasche Veränderlichkeit. Bald ist der Gnädige Herr von übertriebener Lust erfüllt, bald von wildem Zorn und bald von Düsternis des Geistes. Er war gewiss schon immer ein Mensch von großen seelischen Regungen, jedoch nicht schon immer von Hass, Gewalt und Trübsal. Im Gegenteil: schäumende Lebensfreude, guter Humor und kunstsinnige Begeisterung waren früher seine edelsten Fähigkeiten, die heute fast gänzlich verschwunden sind. Ich erinnere mich noch seiner beinah überschwänglichen Freude und des erstaunten Klatschens seiner Hände angesichts des kostbaren, von mir für ihn geschriebenen und mit allerlei Darstellungen versehenen Buches der Wahrsagung, des Lebensglückes und der Geomantia.

»Meister Heinrich«, sprach der Gnädige Herr glänzenden Blickes, nachdem er in vielen Ausrufen frohlockt hatte, und legte mir sinnend die Hand auf die Schulter, »hierin habt ihr Euch selbst übertroffen. Euch ist das wunderreichste Dokument gelungen, das meine Augen je gesehen, und es soll mir für die Zukunft meines Lebenslaufes die allerbesten Dienste leisten in der Bestimmung dessen, was je zu tun und zu lassen sei!«

Bedachtsam blätterte er vor und zurück und wiederum zurück und vor, schüttelte still den Kopf und lächelte voll Scheu und Ehrfurcht.

Eine Freude wie diese muss ich seit Langem vermissen. Sie geschah mir anno 1492, am Freitag nach Sankt Pauli Bekehrung, in des Gnädigen Herrn Kanzlei zu Grünsfeld. Dorten lebte er damals noch. Nach dem schönen Grünsfeld war er beinahe genau drei Jahre zuvor übergesiedelt, sogleich nach der vollzogenen Heirat mit der edlen Gräfin.

Ach, warum hat alles nicht so bleiben können? Warum konnte die Ehe mit der Sehr Gnädigen und Wohlgeborenen Frau Dorothea nicht in sicherem Frieden gedeihen? Warum mussten die Gatten sich auf solch schlimme Weise entzweien, dass die Schriftstücke über die Rechtshändel ganze Folianten füllen? Es war doch die Gnädige Frau, Gott sei ihrer gnädig, eine Frau von höchster Klugheit, von Edelmut und feinem Sinn! Sie war freilich auch von Stolz und Willensstärke, mitunter auch von großem Eigensinn und widersprechendem Geist, und doch schien mir und nicht nur mir allein, sie sei ihrem Manne herzlich zugetan. Und es war doch auch der Gnädige Herr ihr herzlich zugetan, in Liebe, Bewunderung und feinem Sinn, und gar manches Mal waren sie in den frühen Jahren ihrer Ehe wie Turteltauben. Aber wehe, vertan, vertan! Doch es ist hier nicht der rechte Platz, um über Vergangenes zu klagen. Was zwischen meinen beiden Herrschaften geschehen und missraten ist, kann in dieser Welt nicht wieder gut gemacht werden, denn die Gnädige Frau ruht im Grabe. Die einzige verbleibende Hoffnung ist jene auf eine Versöhnung der beiden Streitenden dereinst im anderen Leben.

Es sind mir also die trüben Stimmungen meines Herrn seit Langem bekannt, und ich weiß ebenso, sie haben ihre Gründe, wenn ich diese auch nicht genau kenne. Ich vermag nicht zu sagen, in welche Verfassung der Tod der Gnädigen Frau vor sechs Jahren meinen Herrn im Augenblick der Nachricht versetzt hat, denn ich bin ihm erst später begegnet. So viel aber weiß ich, dass seine Düsternis seither mehr und mehr die Züge einer sonderbaren Geisteszerrüttung annimmt.

Einmal wollte er wissen, es war beim Frühmahl, ob ich des Nachts nicht etwas gehört hätte.

»Was meint Ihr, Gnädiger Herr?« frug ich zurück.

»Etwas wie ein Schleifen und Rucken von Möbeln«, sagte er, »wie das Umhergehen eines schweren Menschen.«

»Nein«, versetzte ich nicht ohne Bangigkeit, »ich habe nichts von dieser Art gehört. Das ist indes nicht verwundersam, denn ich habe einen gesunden Schlaf.«

»Ja, gewiss«, erwiderte er mit gerunzelten Brauen und als habe er kaum zugehört, sah mich jedoch plötzlich mit seltsamen Augen an und wiederholte bedeutsam: »Einen gesunden Schlaf habt ihr, natürlich, denn ein gutes Gewissen ist ein sanftes …« Hier hielt er inne, wandte sich ab und verfiel in stummes Brüten. Das Mahl ging im Schweigen vorüber, aber zu etlichen Malen sah ich den Gnädigen Herrn seinen Kopf schütteln und die Faust ballen. Sofern ich recht gehört habe, flüsterte er dabei einmal Dorotheas Namen, jedoch gleichsam widerstrebend.

Heute Nacht nun habe auch ich etwas gehört: ein Poltern, ein Schreien und Lärmen, dass mir das Blut stockte, sobald ich aus dem Schlafe fuhr. Zuerst glaubte ich, mir träume Übles und es handele sich um einen Alp. Allein, aufrecht im Bette sitzend ward mir deutlich, dass ich Wirkliches erfuhr. Ich entzündete ein Licht, warf mir Wams und Mantel über, trat vor meine Tür und sah Diener und Mägde in Aufregung und mit Lichtern vorübereilen. Ich folgte ihnen bis zu einer verschlossenen Kammertür, hinter welcher ein Toben vor sich ging, wie ich es noch niemals vernommen. Zwischen donnernden Schlägen und dem Klirren wie von einer Klinge hörte man laute Rufe wie die eines Wahnsinnigen, hervorgestoßen bald in rasender Wut, bald in tödlicher Angst. Die Rufe waren zumeist unverständliche, rohe Laute wie die eines Erstickenden, bisweilen aber vernahm man gekeuchte Worte, etwa: »Kommst du mir wieder?«, »Fahr, wohin du gehörst!« oder »Lass mich!« Es war dies bei aller Entstellung die Stimme des Gnädigen Herrn Asmus.

Georg, der Kammerdiener, versuchte den Lärm zu übertönen und rief seinem Herrn begütigend durch die Türe zu, erzielte aber keine Änderung. Auch seine Bitte, die Türe zu öffnen, wurde keineswegs erwidert. Derweil liefen zwei starke Knechte nach einer Keule oder Eisenstange, um die Tür zu erbrechen. Ich selbst wagte mich nahe an dieselbige heran, fand einen Spalt und tat einen Blick ins Innere. Was ich sah, machte mein Blut in den Adern gefrieren. Mitten in der durch den hal­ben Mond fahl erleuchteten Kammer stand mit dem Ausdruck eines Berserkers der Gnädige Herr, ein Schwert in der Hand führend, mit welchem er nach allen Seiten wilde Ausfälle tat und um sich hieb, als gelte es, eine Hundertschaft Feinde zu zerhauen. Ich fuhr mit Entsetzen wieder zurück.

Wenige Zeit später hörten wir aus dem Inneren einen einzelnen gewaltigen Schlag, davon das Gemäuer erzitterte, und von diesem Augenblick verstummte das Getöse wie abgerissen. Die vor der Tür Stehenden warfen sich nun beinahe noch ängstlichere Blicke zu als vordem, die plötzlich eingetretene Stille war gar zu grauenvoll.

Schließlich sprang unter den gewaltsamen Versuchen der beiden Knechte die Türe krachend auf, und es bot sich uns ein Bild des Schreckens. Sämtliches Möbel lag zerschmettert, Stühle, Tisch und gestopfte Polster waren in tausend Stücken, der Boden besät mit Splittern, Scherben und Klumpen von Stroh. Nur eine schwere Truhe mit eisernen Beschlägen schien unbeschädigt geblieben, sie lag jedoch gar sonderbar gegen die Wand, als hätte eine Riesenfaust sie zur Seite gefegt. Von dem Gnädigen Herrn war nichts zu sehen noch zu hören. Mir schien, es müsse ihn der Teufel geholt haben. In dieser Kammer, so viel war uns allen sofort sichtbar, war etwas Grauenvolles geschehen.

Einige Mutige von uns traten mit stockendem Atem ein und vernahmen alsbald ein schwaches Winseln und Klagen wie von einem zu Tode getroffenen Tier. Es rührte von unter der Truhe. Dort fanden wir zu unserem Entsetzen den Gnädigen Herrn grässlich eingeklemmt, und es gelang kaum, ihn von dort hervorzuziehen. Es war, als hielte ihn eine Hand fest umklammert und wolle ihn nie mehr loslassen. Als wir ihn endlich befreit hatten, fanden wir kaum noch Leben in ihm, und er erkannte niemanden.

Wir trugen ihn auf sein Lager und schickten nach dem Leibmedikus, der kaum noch die Pulse seines Herzens fand. Der Medikus wandte ein Fläschchen mit starker Essenz auf die Nase des Gnädigen Herrn an, rief sehr laut seinen Namen und schlug ihn bei aller Vorsicht zu mehreren Malen ins Gesicht. Der Gnädige Herr stammelte nur verwirrte Laute, einmal jedoch, ich könnte schwören, flüsterte er den Namen der Gnädigen Frau. Dies bestritt der Medikus, er sprach von Zerrüttung oder Verrückung der Sinne und erklärte, hier könne keines Menschen Macht mehr helfen. Man müsse den Gnädigen Herrn nun ruhen lassen und erwarten, was der Herrgott vornehme. Man solle nach dem Priester schicken und beten. Dies geschah.

Mägde und Knechte begaben sich nach der Hauskapelle. Derweil erteilte der Vikar die Sakramente, worauf er ihnen folgte. Auch ich begab mich nach dort, schickte Gebete zum Himmel und hörte Litanei um Litanei beten. Danach ging ich auf meine Kammer, nicht ohne vom Leibmedikus zu erfahren, dass keine Änderung eingetreten sei.

An die Arbeiten, die für heute anberaumt worden sind, ist freilich nicht zu denken. Ich bin seitdem in ein wechselndes Sinnen und Beten verfallen und trachte die ganze Zeit, diese jammervolle Geschichte zu begreifen. Es will mir dies kaum gelingen. Hat der Gnädige Herr mit einem Gespenst gerungen oder mit einem Wahnbilde? Wen hat er dort gesehen, welche schreckliche Gestalt ist dort umgegangen, dass er sich ihrer mit einer solchen Gewalt zu wehren suchte?