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Der Besuch des Kaisers – Franz I. Stephan in Heusenstamm

Leseprobe

1.

Ein prunkvolles, riesiges Eingangstor. Die Torflügel schwingen zur Seite, wie von selbst, und er tritt ein, ehrfürchtig schaut und staunt er umher. Vor ihm ein großes Treppenhaus aus hellem Marmor, breite, flache Stufen, mit hellrotem Teppich belegt, er schreitet leise hinauf ins obere Stockwerk, wo sich ein gewaltiger, weiter Raum über ihm öffnet, mit Pilastern und goldenem Zierrat und Fresken, er weiß gar nicht, wohin er schauen soll. Er betritt eine schier endlose Flucht von Zimmern, alle Türen stehen offen, so dass man quer hindurchsehen kann, durch sämtliche Räume und Kemenaten, die dazwischenliegen, ganz bis ans andere Ende des prächtigen Schlosses. Überall glänzt und glitzert es, Spiegelflächen, kristallene Lüster. Langsam geht er weiter. Da erinnert er sich, warum er hier ist: Der König hat ihn zu sich gerufen! Aber welcher König eigentlich? Oder war's gar der Kaiser? Egal, irgendjemand war's, energisch setzt er seinen Weg fort, er will alles erforschen, alles sehen, ich lass mir nichts entgehen, sagt er sich. Wenn nur dieses metallische Hämmern nicht wäre, das mir immer lauter in den Ohren hallt; dazu dieser brenzlige, rußige Geruch. Meine Hände sind ja auch ganz rußig, meine Kleider auch – aber wo bin ich? Ach, richtig, zuhause, in der Schmiede.

„Na, träumste wieder, Karlche?“

Das war sein Schmiedemeister, Meister Johann Georg Ammerschläger. Mit dem Schmiedehammer in der Hand, rußig, verschwitzt, mit nacktem Oberkörper unter der ledernen Schmiedeschürze, so schaute Meister Johann Georg zu seinem Lehrbuben herüber. Aber er schaute nicht streng, das war nicht seine Art, es genügte ja außerdem, wenn der Vater streng war.

„Was, Meister?“, fragte Karlchen wie erwachend.

Der Meister schüttelte seufzend den Kopf.

„Wo haste nur immer dei Gedanke, Karlche?“

„Wo? Beim … beim König.“

„Beim König, soso.“

„Oder Kaiser ...“

„Ach Bub, lass dei Gedanke doch emal hier, hm, was meinste? Hier bei de Ärbet.“

„Ja, Meister.“

„Na, jetz häng dich emal an de Balg, ich brauch mehr Hitz!“

Karlchen setzte den großen Blasebalg, der schwer unter der Decke hing, in Bewegung, und Meister Johann Georg steckte Rohlinge für neue Hufeisen in die Glut.

„Beim König und beim Kaiser“, murmelte er dabei. „Und was treibste da, beim König und beim Kaiser?“, fügte er laut hinzu.

„Nix eigentlich. Ich guck bloß. Ich guck mer die ganze prachtvolle Zimmer an, die Bilder, die Treppe, die Lampe.“

„Und des gefällt dir.“

„Ja, Meister, und wie mer des gefällt!“, rief Karlchen und strahlte.